Stephan Porombka

Fine-Tuning

Der Rausch der Gegenwart: Von der Lebensflucht zur Lebenskunst


Den Berichten über die Höhenflüge durchs eigene Selbst werden allerdings die Warnberichte an die Seite gestellt: Wer zuviel schluckt, lutscht, inhaliert oder spritzt, der riskiert nicht nur zuerst einen dicken Schädel und dann auch noch Depressionen; riskiert wird auch die Abhängigkeit von einem Mittel, das vom Körper so lange in immer höheren Dosen gefordert wird, bis der dann seinen Geist aufgibt. Mit jeder Drogenerfahrung spielt man in diesem Sinn noch einmal den Sündenfall nach, indem man auf kurze Zeit das – wie Baudelaire es etikettiert hat – „paradis artificiel“ betritt, um dann mit einem umso heftigeren Tritt wieder nach draußen befördert zu werden. Wo immer in der modernen westlichen Kultur vom Rausch die Rede ist, braucht man deshalb nicht lange zu warten, bis auch von Rauschmitteln und dann auch von Sucht und Abhängigkeit gesprochen wird. Erfunden wird die Figur des Junkies, der sich auf den Betten der Opiumhöhlen und auf den Bürgersteigen hinter den Bahnhöfen als gefallener Engel installiert. Mit ihm bleibt das moderne Reden über Rausch geradezu hoffnungslos zwischen dem Klappbild von Himmel und Hölle gefangen und folgt dem Dispositiv eines Zeitalters der Extreme, das sich immer nur im Muster auf Erlösung und Verdammung beobachten, beschreiben und entwerfen kann.

Die neue Rauscherfahrung: Fine-Tuning statt chemischer Keule

Es gibt heute allerdings längst einen Umgang mit Rausch und Rauschmitteln, der sich aus diesem Klipp-Klapp-Bild der Moderne herausgelöst hat. Das hat zum einen mit der Ausdifferenzierung und Multiplizierung von Rauscherfahrungen zu tun. Die kann man nämlich der Idee nach nicht nur haben, wenn man sich etwas einwirft. Das vom LSD-Apostel Timothy Leary gepredigte TURN ON – TUNE IN – DROP OUT kann man auch haben, wenn man seinen Körper an andere Körper oder an technische Geräte anschließt. Die Erfahrung des ganz ‚Anderen’ gehört spätestens seit den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts so definitiv zur Erlebnisökonomie junger Menschen, das sich längst nicht mehr vom ganz ‚Anderen’ sprechen lässt. Man legt es tagtäglich darauf an, Rauscherfahrungen zu machen, den Boden unter den Füßen zu verlieren und die Bezüge zur Umwelt zu lockern oder temporär gleich ganz zu kappen. Jedes neue elektronische Gerät bietet dabei seine Unterstützung an: Kino, Fernsehen, Plattenspieler, Kassettenrekorder, Walkman, Spielkonsole, Computer, Internet, die mit ihren Gadgets und Programmen Übersprünge, Rundflüge, Durchbrüche, Halluzinationen garantieren.

Es sind die Generationen von elektrifizierten Mediennutzern, die den Umgang mit Rausch und Rauschmitteln grundlegend verändert haben. Was in den sechziger Jahren noch mal als Himmel (LSD) und dann in den siebziger Jahren als Hölle (Heroin) abgehandelt wurde, wird bereits in den achtziger Jahren enthysterisiert: mit Haschisch und Gras sorgt man für Entspannung, mit Kokain sorgt man für den Kick. Das eine zieht nicht zu sehr nach unten, das andere zieht den Konsumenten nicht so weit nach oben, dass er in den dunklen Weltraum entschwindet. Wer in den achtziger Jahren seine Erfahrungen mit Mitteln dieser Art macht und sich durch die Erfahrung erfahrener Konsumenten leiten lässt, entwirft sein Leben im Modus des Fine-Tuning: Man steuert sich aus.

Die Drogenkultur der neunziger Jahre treibt dieses apothekarisch orientierte Drogenverständnis auf die Spitze. Die synthetischen Drogen kommen nicht mehr als Heilsversprecher ins Spiel. Gehandelt werden sie als Mittel, mit denen man Körper und Psyche wie einen Synthesizer behandelt, an dessen Knöpfen man nur ein bisschen drehen muss, um die unterschiedlichsten Effekte hervorzurufen. So setzt sich die Idee des Rausch-Experiments durch. Ausprobiert wird alles, was die Selbst- und Weltwahrnehmung verändert. Zugearbeitet wird dem gleichzeitig durch Theoreme, die sich von der einen Wirklichkeit verabschieden und Real Life als Teil einer flexiblen Verschachtelung virtueller Realitäten verstehen. Zugearbeitet wird dem aber auch durch ein grundsätzlich neues entspanntes Verhältnis zur Manipulation des eigenen Körpers: Den kann man – entsprechend der Idee, die in dieser postmodernen Drogenkultur den Einwurf von Ecstasy ebenso begleitet wie die Hingabe an das Stampfen der Beats im Techno-Universum – genauso tunen, trainieren, piercen, erweitern oder umoperieren, wie man es auch mit dem eigenen Bewusstsein tun kann. „Generation Emotion“ hat Christian Ankowitsch diese Nachwachsenden genannt, die sich zur Regulierung des eigenen Gefühls- und Hormonhaushalts immer ausgeklügeltere Programme mit immer feiner dosierten Mitteln entwickeln.

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Copyright © Stephan Porombka – Apr 15, 2008