Stephan Porombka

I can hear clearly now

Anmerkungen zum Zusammenhang von Musik und Drogen


1.

Musik und Drogen hängen nicht erst seit der Erfindung von Jazz und Rock’n’Roll so eng zusammen, dass man das eine ohne das andere nur schwerlich denken oder hören kann. Auffällig ist, wie weit der Drogenkonsum unter Musikern verbreitet ist. Nicht nur werden Musikerbiographien gern über Drogenkarrieren rekonstruiert. Auch sind eine Reihe von populären Kreativitätstheorien im Umlauf, die vom besonderen Einfluss bestimmter Stimulanzien auf das Komponieren, Texten, Spielen oder Singen künden. Der Zusammenhang von Musik und Drogen wird aber auch immer dann auffallend häufig beschworen, wenn gesungen wird: Dann sind die Drogen selbst, das Reden über Drogen, die Techniken und die Folgen des Drogenkonsums, vor allem aber der Drogenrausch stets als Thema präsent. Es ist, als würden die Songs hier im Rekurs auf den Drogengebrauch der Musiker in ein Stadium eintreten, in dem durch Selbstreflexion das eigentliche Betriebsgeheimnis des Musikmachens offengelegt wird.

Musik und Drogen hängen aber seit der Erfindung von Jazz und Rock’n’Roll nicht nur dort zusammen, wo sich die Musiker Tüten bauen, Nadeln setzen, Pillen einwerfen oder zumindest vom Tüten bauen, Nadeln setzen oder Pillen werfen singen. Viel grundsätzlicher zielt Musik darauf, bei Hörern und Tänzern entweder einen durch andere Mittel geförderten Rausch zu unterstützen oder ganz selbstständig einen neuen Rausch zu induzieren. Hier stehen Jazz, Rock’n’Roll und all ihre Nachfolger in einem viel umfassenderen kulturgeschichtlichen Zusammenhang, der bis an die anthropologischen Grenzen überhaupt führt. Denn Musik gilt in allen bekannten Kulturformen als kultunterstützendes Mittel. Wo Musik zum Einsatz kommt, werden die Muster der gewohnten Weltwahrnehmung aufgelöst, die Körper werden einer anderen Rhythmik unterworfen und der Hörsinn wird in einen Klangraum geführt, in dem sich Stampfen und Schweben so verbinden, dass sie ekstatische Zustände hervorrufen können. Dass die Hörer durch Musik allzu schnell um Sinn und Verstand gebracht werden und körperlich außer Kontrolle bzw. unter eine andere Kontrolle geraten, haben sich die Priester der unterschiedlichsten Kulte ebenso zu Nutze gemacht, wie es den Aufklärern, Vernünftlern, Jugendschützern, aber dann auch immer wieder den Priestern selbst stets so unangenehm aufgefallen ist, dass sie zuweilen das Musikmachen, das Musikhören, vor allem das Tanzen und das schlichte Im- Sound-Dahinrauschen am liebsten verbieten, zumindest streng kontrollieren und nur unter Aufsicht verabreichen lassen wollten.

2.

Die Tatsache, dass Musik ein Rauschmittel ist und jedes Kling, auf das ein Klang folgt, Transzendenzenergien frei setzen kann, hat dazu geführt, dass sie traditionell als Überschreitungskunst gehandelt wird. Als solche gilt Musik nicht nur in der romantischen Theorie. Mit ihr wird in den musikalischen Avantgarden der Moderne als Überschreitungskunst auch dort experimentiert, wo sie auf sich selbst zurückgespiegelt, mathematisiert und intellektualisiert wird. Überschreitungskunst ist Musik aber vor allem immer dort, wo sie populäre Musik ist und sich bei den verschiedensten Zusammenkünften, bei Festen und Feiern als Rauschmittel anbietet. Gerade die populäre Musik experimentiert mit den Möglichkeiten, die Hörer in Rauschzustände zu versetzen, die zu körperlichen und geistigen Überschreitungshandlungen führt – wahlweise oder in Kombination: Schreien, Tanzen, Schmiegen, Kopulieren, Mobiliar zertrümmern, andere Drogen nehmen…

Dass vor allem Musiker aus dem Populärsegment gerne mit Drogen hantieren, hängt genau damit zusammen. Zum einen sind alle künstlerischen Avantgarden seit dem Ende des 18. Jahrhunderts anfällig für Drogen. Es gehört so grundsätzlich zu ihrem Programm, mit Kunst Grenzen zu überschreiten und neue Erfahrungs- und Reflexionswelten zu öffnen, dass das Drogenexperiment als Beweis für die eigene experimentelle Waghalsigkeit und damit als Beweis für absoluten Avantgardismus gehandelt wird. Zugleich setzen die Künstler mit dem Drogenkonsum das Zeichen, dass sie sich in Erfahrungswelten bewegen, die dem Spießer, dem Philister und dem Feigling auf ewig verschlossen bleiben. So wachsen seit dem 19. Jahrhundert das Kunstmachen und das Drogennehmen auf kultursymbolischer Ebene so weit zusammen, dass spätestens im 20. Jahrhundert ein Image daraus wird, das man in der Populärkultur als ontologische Selbstverständlichkeit behandelt. Musiker, die Drogen nehmen, inszenieren in der Überschreitung eine nochmalige Überschreitung. Sie präsentieren also eine Überschreitung der Überschreitung: eine Überschreitung hoch zwei, und reißen ihr Image (und das heißt auch immer: ihr Selbstverständnis) in Schwindel erregende Höhen hinauf.

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Copyright © Stephan Porombka – Jul 15, 2008