Tilman Strasser

Schreibstoff: Alkohol

Lit stellt vor: Die wichtigsten Drogen im Literaturbetrieb


Wahrscheinlich trinken Sie schon. Wenn nicht: Fangen Sie schleunigst an. Keine Droge bringt Sie sicherer in die Bestsellerlisten.

In jeder Feuilletonredaktion klebt am Giftschrank eine Liste der vielen großen Autoren, die an der Flasche hingen. Wann immer sich ein Anlass bietet, wird sie lustvoll zitiert, meist verbunden mit lauwarmen Witzeleien. Der moderne Autor aber hat sich von der Allerweltsdroge abgewandt. Schließlich kann er sich mit Marihuana in die Tiefen seiner Phantasie stürzen, mit Kokain durch den Schaffensrausch fetzen oder mit Heroin wuchtig aus der Welt ignoranter Verleger und staubiger Lektoren kicken – wozu da noch trinken?

Alkohol jedoch ist nicht von ungefähr ein Klassiker unter den Rauschmitteln: Er hat den jungen Wilden um Sprat, Crack und LSD etwas Entscheidendes voraus. Während die Riege angesagter Präparate den Körper über die Grenzen pusht und den Geist in ungeahnte Höhen schleudert, zieht Alk seinen Konsumenten erst einmal ganz tief nach unten. Trinken dämpft Reaktionen, Hemmschwellen, Denkvorgänge. Es macht behäbig und langsam. Es vereinfacht das Schreiben enorm.

Zunächst einmal denkt ein Promille-durchweichtes Gehirn viel strukturierter. Sie laufen nicht mehr Gefahr, vom Hölzchen aufs Stöckchen zu kommen (nach einigen Jahren bereitet Ihnen das Hölzchen genug Schwierigkeiten). Ihrer übersprudelnden Kreativität werden endlich die Schranken gesetzt, die sie braucht.

Zweitens: Trinken ist billig und legal. Ein Gang in die Kneipe ist nicht mit dem aufreibenden Nervenkitzel verbunden wie ein Deal in einem dreckigen Hinterhof. Entsprechend reißt sie nichts aus dem Trott Ihrer dahindämmernden Romankonzeptionen. Und das Geld, das Sie für einen ordentlichen Trip investieren müssten, reicht für mehrere Abende seliger Volltrunkenheit.

Und drittens konzentriert gepflegter Alkoholismus ein ganzes Bündel an Problemen auf eines: Sie trinken. Deswegen sind Sie so unzuverlässig, so abgestumpft und unfähig. Das ist etwas, worum sie sich kümmern müssen, irgendwann. Und bis dahin können Sie sich bei einem Drink auf wichtigeres konzentrieren.

Doch es sind nicht nur pragmatische Gründe, die Whiskey zu einem festen Bestandteil Ihres Flüssigkeitshaushaltes machen sollten. Der Trinkermythos umgibt den Literaten im Suff wie ein Schild. Zweiflern antworten Sie einfach mit einem Zitat, wahlweise Horaz („Gedichte, die von Wassertrinkern geschrieben wurden, können nicht lange Gefallen erregen“), F. Scott Fitzgerald („Trinken ist das Laster des Schriftstellers“) oder Dylan Thomas („Ich hatte gerade 18 Whiskys, ich denke, das ist ein Rekord“). Zudem haben Sie ein Thema gefunden, auf das Sie immer zurückgreifen können: Das langsame Versacken im Suchtsumpf hat beispielsweise Hemingways Stil und Stoffe entscheidend geprägt.

Zögern Sie also nicht, sondern entkorken Sie irgendetwas. Setzen Sie sich nie wieder nüchtern an den Schreibtisch. Und lassen Sie die Finger von dem ganzen modernen Zeug, verdammt, das ist für einen Autor Ihrer Klasse wirklich nur unnütze Spielerei.


Copyright © Tilman Strasser – May 15, 2008