Tilman Strasser

Schreibstoff: Feuilleton

Lit stellt vor: Die wichtigsten Drogen im Literaturbetrieb


Autoren, das ist bekannt, lesen niemals die Bücher ihrer Konkurrenten. Sie lesen die Kritik.

Morgen für Morgen quält sich der Autor aus dem Bett. Mit Schwimmbewegungen wühlt er sich durch die Notizen des letzten Abends, wirft rasch den Morgenmantel über und öffnet die Wohnungstür. Im Treppenhaus nimmt er Witterung auf. Am Geruch des Zeitungspapieres erkennt ein erfahrener Schreiberling, welche Qualität der Stoff haben wird. Die Treppen hinunter, mit zitternden Händen den Briefkasten aufgesperrt: Er sabbert vor Freude, „Verriss, Verriss!“, klingt es ihm in den Ohren. Noch beherrscht er sich.

Zurück in der Wohnung, die Zeitung krampfhaft geschlossen haltend. Tee aufsetzen, eine Selbstgedrehte drehen, während das Wasser kocht überfliegt er den Sportteil. Nur nicht auf die Feuilleton-Schlagzeilen schielen. Der Tee muss drei Minuten ziehen, Politik ist so langweilig wie immer. Schnell die nächste Selbstgedrehte und einen Blick in den Wirtschaftsteil. Endlich ist der Tee fertig, an der Tasse verbrüht er sich die Finger, hastig die Literaturseite aufschlagen. Von der Unterlippe perlt ihm ein Speicheltropfen.

Der Puls rast und die Gedärme verlangen nach Linderung, doch der Autor will bewusst genießen. Erst mal die Kritiken zählen. Mürrisch nimmt er die rechte Spalte zur Kenntnis: Eine berühmte Kollegin hat einen Preis bekommen, ein kleiner Verlag ist bankrott. Dann die kleinste Besprechung. Ein Lyrikband von einem Debütanten. Der Autor stößt einen verzückten Seufzer aus: Lyrik zerreissen sie bei der Zeitung besonders gern.

Kreative Impulse, Inspiration, das richtige Umfeld und das richtige Thema – zum Schreiben braucht es viele Voraussetzungen. Nichts aber bringt einen Autor so zuverlässig zu schöpferischen Höchstleistungen, wie Häme, die über seine Kollegen gekippt wird. Je bösartiger, desto besser: Nur eine miserable Besprechung ist eine gute Besprechung. Tagtäglich saugt der Autor die Verrisse in sich auf, inhaliert die niederträchtigen Kommentare und abschätzigen Beurteilungen. Begeistert schreibt er Leserbriefe, wenn ihm eine Rezension besonders gut gefallen hat. Manchmal spornt er das Blatt seiner Wahl auch an, doch noch einmal Goethe oder Thomas Mann zu verreissen – er läse es einfach zu gern.

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Copyright © Tilman Strasser – Sep 15, 2008